Lage in Homs

Interview von Frau Pilkenroth (Pressesprecherin der Stadtkirche Nürnberg) mit Jihad Nassif vom September 2016

"Die militärische Lage im Norden von Homs ist fast dieselbe wie in Südwest-Aleppo“

Syrisch-maronitischer Priester Jihad Nassif über den Alltag in Homs

Mehr als fünf Jahre dauert der Konflikt in Syrien bereits an. Was als friedlicher Protest im Zuge des so genannten Arabischen Frühlings Anfang 2011 begann, hat sich zu einem Bürgerkrieg entwickelt. Das ursprüngliche Motiv, Syrien in ein demokratisches System zu überführen, ist gescheitert. Unter dem Einfluss vor allem radikaler religiöser, ethnischer und quasi-politischer Gruppen wird Syrien zunehmend geschwächt. Schätzungen gehen von bislang etwa 400.000 getöteten Menschen aus, mehr als 11 Millionen Syrer sind auf der Flucht, vor allem innerhalb des eigenen Landes.

Von den großen Explosionen in Homs berichtet Jihad Nassif als „unsere nächtliche Musik“. Seit einem Jahr lebt der syrisch-maronitische Priester wieder in der westsyrischen Stadt. Dort, wo er den Menschen helfen kann, wo er ein klein wenig Normalität in den Tag bringen möchte. In Homs, so erzählt der 64-Jährige, sei der Krieg genauso spürbar wie in Aleppo. Strom stehe den Bewohnern immer nur für kurze Zeit am Tag zur Verfügung, daher dauert es manchmal einige Zeit, bis ein Kontakt über Mail zustande kommt.

Monsignore Jihad Nassif ist 64 Jahre alt und seit 34 Jahren Priester. Er wirkte als Priester in Damaskus, Latakia, Amman/Jordanien, Homs und als Student in München Anfang der 80er Jahre. Mit Prälat Theo Kellerer, dem langjährigen Stadtdekan von Nürnberg, verbindet ihn eine lange Freundschaft. Kellerer und sein Freundeskreis unterstützen Nassif finanziell.

FRAGE: Uns erreichen Meldungen, dass sich in Aleppo die Lage dramatisch verschlechtert hat. Von einer humanitären Katastrophe ist die Rede. Wie ist derzeit die Lage in Homs? Haben die Kämpfe nachgelassen?

In der Stadt Homs selbst ist es sehr ruhig bis auf das westliche Viertel "Al Waaer" und bis auf umliegenden Ortschaften im Norden der Stadt Homs. Von dort aus schießt die Al-Nusra-Front (A.d.R. laut UN-Sicherheitsrat eine dschihadistisch-salafistische Terrororganisation) immer ihre Raketen auf unsere Wohnviertel. Vorgestern z.B. hat eine Rakete unsere Gemeinde getroffen, Gott sei Dank gab es diesmal keine Opfer. Wir haben unsere 114 Kinder, die im Gemeindesaal versammelt waren, in aller Ruhe heimschicken können. Die militärische Lage im Norden von Homs ist fast dieselbe wie in Südwest-Aleppo. Die Medien allerdings reden mehr von Aleppo mehr. Ich frage mich, warum?

Wie ist die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln, Medikamenten, Wasser und Strom?
Die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln, Medikamente, Wasser und Strom ist überall in Syrien gleich, egal ob es Ruhe gibt oder nicht. Nur werden diese Dinge immer teurer wegen des teuren Transports und des knappen Öls; und auch wegen der jeweiligen Gelder, die die Lastwagenfahrer an die verschiedenen Milizenführer in den von ihnen kontrollierten Gebieten zahlen müssen. Der Handel als solcher funktioniert. Z.B. kostet ein Kilogramm Tomaten in Homs zurzeit 150 syrische Lira (knapp 30 Cent), während es in Qameschli im Nordosten 1500 Lira, also das 10-fache ist. Wir haben höchstens drei Stunden Strom, dann 3 bis 6 Stunden Stromausfall. Auch Trinkwasser haben wir etwa drei Stunden täglich. Ich rede hier von Homs, Latakia, Tartus und Damaskus. Die Milizen schießen systematisch auf die Infrastruktur von Strom, Wasser und auf Ölfelder. Alle anderen Behauptungen sind rein politischer Art. Wenn Sie Geld in Syrien haben, können sie alles, aber wirklich alles kaufen. Uns fehlt es nicht an Nahrungsmitteln, sondern unsere Währung ist nichts mehr wert. Das Gehalt, das vor dem Krieg 1000 US Dollars wert war, ist heute nur noch etwa 85 USD wert. Daher haben wir viele armen Familien.

Übrigens, Bilder täuschen sehr. In Homs haben wir viele Stadtteile, wo Sie keine einzige Spur von Schießereien auf den Fassaden der Häuser finden, als ob es hier nie ein Krieg gewesen wäre! Hier könnten Sie alles einkaufen. Und es gibt total zerstörte Stadtteile, wo nicht einmal Tiere leben können. Und dann gibt es wieder Viertel, die zur Hälfte oder zu 95% zerstört sind, wie es in unserem Hamidiyehviertel der Fall ist, der Altstadt von Homs.

Anfang dieses Jahres berichteten Sie, dass noch 676 christliche Familien in der Altstadt von Homs lebten. Wie viele sind es heute ungefähr?
In der Altstadt Hamidiyeh haben mal 150.000 Christen gelebt. Als ich kam – vor einem Jahr – zählten die christlichen Familien gut 100. Die meisten von ihnen waren alte Ehepaare. Ich war der einzige Priester, der hier wohnte; jetzt sind wir zwei Priester, ein Jesuitenbruder und gut 1000 Familien mit Kindern sogar.

Fast jeden Abend bete ich mein Rosenkranz auf den Straßen unseres Viertels, egal ob sie leer sind oder nicht, egal ob sie zerstört sind oder nicht. Es ist ein Rundgang und Spaziergang zugleich. Mein Rosenkranzgebet wird durch Grüße zigmal unterbrochen und so treffe ich fast alle Viertelbewohner: Ein Straßen-und Gebetsbesuch. Mitte 13. August feierten in unserer Nachbarschaft über 100 Jugendliche der syrisch-orthodoxen Kirche das Marienfest vom 15. August: nach ihrer Art mit Tanz und viel lauter Musik, wie überall. Und gleichzeitig spielten viele kleine Kinder auf den Straßen vor unserer Kirche St. Maron in Hamidiyeh, wo ich auch wohne. Zugleich waren auch die schweren Bombardierungen zu hören. Ich sagte mir: Das ist doch Wahnsinn, alles auf einmal zu hören! Die laute Musik der tanzenden Jugend, der Schrei der spielenden Kinder und die Schießereien. Was haben wir von unserem Menschsein verloren: Das Gespür? Das Fühlen? Nur mein Rosenkranzgebet war im Stillen sogar sehr still: "Wer hören kann, der höre".

Wohin sind den viele Familien gegangen? Sind sie nach Europa geflohen oder innerhalb Syriens gewandert bzw. in Nachbarländer?
Als die "bewaffneten Revolutionäre" unsere christliche Altstadt Hamidiyeh mit 150.000 Einwohnern vor drei Jahren erobert haben, ist das Viertel ganz leer geworden bis auf einige wenige. Seitdem sind viele Leute nach Hamidiyeh zurückgekehrt. Die UNO spielt hier eine großartige Rolle. Sie hilft finanziell bei Renovierungen von Wohnungen. Sie hat die Trümmer von den Haupt- und Nebenstraßen entfernt, und jetzt (August 2016) wird die Hauptstraße asphaltiert! Sie installiert an einigen Ecken Straßenlaternen, die mit Sonnenenergie betrieben werden. Unsere Nächte sind nicht mehr so stockdunkel und sie Lampen hängen nicht mehr vom Stadtelektrizitätswerk ab.
Die Familien, die jetzt nach Homs zurückkehren, waren in den letzten Monaten und Jahren an der syrischen Küste oder im so genannten Tal der Christen, wo die meisten herstammen.

Erst nach der großzügigen Aufnahme von syrischen Flüchtlingen seitens der Bundesrepublik Deutschland sind die Christen in großer Zahl ausgewandert Richtung Deutschland, aber auch nach Kanada und Australien.

Wie viele Familien unterstützen Sie derzeit in Homs? Und wie unterstützen Sie diese Familien?
62 Familien mit Brot und Medikamenten monatlich und weitere Familien, aber nicht monatlich. Zwei Familien bekamen sogar eine Milchkuh, mittlerweile sind es vier Milchkühe geworden. Im Pfarrhaus haben wir ein Studentinnenwohnheim einigermaßen gut einrichten können und jetzt haben sich 30 Studentinnen bei uns angemeldet. Mein Traum ist ein Studentenhaus zu gründen, um die Rückkehr und das Leben in unserem Viertel zu fördern. In der Studentengemeinde von St. Charbel haben wir 94 Studentinnen und Studenten. Dafür habe ich ein altes und sehr schönes arabisches Haus zum Kauf gefunden. Es kostet 100.000 Euro, wir haben aber nur 10.000. Wir haben ein Nähatelier direkt hinter unserem Pfarrhaus gegründet, wo bald 30 Kräfte arbeiten werden, die meisten davon sind Frauen und repräsentieren alle syrischen Konfessionen und Ethnien.

 

Spendenkonto

Für Überweisungen ist wohl das Konto von Herrn Kellerer bei der Liga am günstigsten mit dem Stichwort Jihad Nassif

Theo Kellerer, Nürnberg

IBAN: DE49750903000005103479

Stichwort: Syrienhilfe!

Spendenbescheinigungen für das Finanzamt werden dann von MISSIO München zu Beginn des neuen Jahres ausgestellt.

Können Sie ein klein wenig ein christlich-katholischen Leben praktizieren? Mit Gottesdiensten, Sakramentenspendung etc.?
In den Gebieten, die unter der Kontrolle der syrischen Armee und der syrischen Regierung sind, wird die Religion wie in Deutschland in aller Freiheit praktiziert. Und das seit eh und je.

Wie „normal“ ist der Alltag bei Ihnen? Sind Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und Geschäfte geschlossen?
Nein, was nicht total zerstört ist, funktioniert trotz des unmenschlichen internationalen Boykotts.